Altersvorsorge für Selbstständige: ohne gesetzliche Rente clever vorsorgen

Von Serkan Parlak · ·Versicherung & Vorsorge

Wer selbstständig ist, muss die Altersvorsorge in aller Regel komplett selbst in die Hand nehmen. Die meisten Selbstständigen zahlen nicht automatisch in die gesetzliche Rentenversicherung ein – ohne eigenes Zutun entsteht also keine Rente. Das ist Risiko und Chance zugleich: Risiko, weil niemand den Aufbau erzwingt; Chance, weil Selbstständige ihre Vorsorge frei und steuerlich clever gestalten können. Dieser Ratgeber zeigt die passenden Bausteine und ordnet sich in unseren Überblick zur privaten Altersvorsorge ein.

Wer doch pflichtversichert ist

Nicht alle Selbstständigen sind frei. Pflichtversichert in der gesetzlichen Rentenversicherung sind unter anderem Handwerker in zulassungspflichtigen Gewerken (für eine bestimmte Zeit), Künstler und Publizisten über die Künstlersozialkasse, bestimmte Lehrer, Erzieher, Hebammen und Pflegepersonen ohne eigene Angestellte sowie Selbstständige, die dauerhaft im Wesentlichen für einen einzigen Auftraggeber arbeiten. Angehörige verkammerter Freien Berufe – etwa Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten oder Steuerberater – zahlen stattdessen in ihr berufsständisches Versorgungswerk ein. Wer zu keiner dieser Gruppen gehört, ist frei und trägt die volle Verantwortung.

Baustein 1: Die Rürup-Rente als Steuerhebel

Für viele Selbstständige ist die Rürup- oder Basisrente der wichtigste geförderte Baustein. Die Beiträge sind seit 2023 zu 100 Prozent als Sonderausgaben absetzbar, 2025 bis zu 29.344 Euro für Ledige und 58.688 Euro für zusammenveranlagte Paare. Weil Selbstständige keine Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Rente leisten, steht ihnen dieser Rahmen meist voll zur Verfügung – die Steuerersparnis kann in guten Jahren erheblich sein. Praktisch ist zudem die Flexibilität bei den Einzahlungen: In starken Jahren zahlen Sie mehr, in schwachen weniger. Der Preis ist die geringe Flexibilität in der Auszahlung – nur eine lebenslange Rente, kein Kapital. Die Details vergleicht der Ratgeber Riester, Rürup oder private Rente.

Baustein 2: Flexibel mit ETF vorsorgen

Gerade bei schwankenden Einkünften ist Flexibilität Gold wert. Ein ETF-Sparplan im Depot lässt sich jederzeit anpassen, pausieren oder aufstocken und bleibt vollständig verfügbar. Er eignet sich als flexibler Kern der Vorsorge, den Sie an die Auftragslage anpassen können. Wer zusätzlich die Option einer garantierten lebenslangen Rente möchte, kann eine fondsgebundene oder eine klassische private Rentenversicherung ergänzen. Die Mischung aus steuerbegünstigter Rürup-Rente und flexiblem ETF-Vermögen ist für viele Selbstständige ein tragfähiges Grundgerüst.

Baustein 3: Freiwillig in die gesetzliche Rente?

Selbstständige können sich freiwillig gesetzlich rentenversichern oder unter Voraussetzungen eine Pflichtversicherung auf Antrag wählen. Das kann sinnvoll sein, wer eine verlässliche Grundabsicherung schätzt oder Ansprüche wie Reha-Leistungen und den Zugang zur Erwerbsminderungsrente sichern will. Als alleinige Lösung reicht die gesetzliche Rente aber auch hier meist nicht. Wie sie funktioniert, erklärt der Ratgeber Gesetzliche Rente verstehen.

Was für Selbstständige meist ausscheidet

Zwei geförderte Wege passen selten: Die klassische Riester-Rente ist für Selbstständige in der Regel nicht unmittelbar zulageberechtigt – nur mittelbar, wenn der Ehepartner unmittelbar gefördert wird. Und die betriebliche Altersvorsorge setzt ein Arbeitsverhältnis voraus; für echte Selbstständige ohne Anstellung entfällt sie. Eine Ausnahme sind angestellte Gesellschafter-Geschäftsführer einer eigenen GmbH, für die eigene Gestaltungen möglich sind.

Die Bausteine im Überblick

Baustein Stärke Zu beachten
Rürup-Rente hoher Steuervorteil, Pfändungsschutz, flexible Einzahlung nur lebenslange Rente, kein Kapital, nicht kündbar
ETF-Sparplan niedrige Kosten, jederzeit anpassbar und verfügbar keine Garantie, Kursschwankungen, Entnahme selbst planen
Private Rentenversicherung Option lebenslange Rente, planbar Kosten und Flexibilität prüfen
Freiwillige gesetzliche Rente Grundabsicherung, Reha- und EM-Ansprüche allein meist zu niedrig

Die richtige Gewichtung hängt von Einkommenshöhe, Steuersituation und Ihrem Wunsch nach Sicherheit oder Flexibilität ab. Ein bewährtes Grundmuster ist: steuerbegünstigt über Rürup einzahlen, was Sie langfristig binden können, und den Rest flexibel im Depot aufbauen.

Zuerst Liquidität und Arbeitskraft sichern

Vor der langfristigen Vorsorge stehen zwei Dinge. Erstens ein Liquiditätspuffer: Binden Sie nicht so viel in unflexible Verträge, dass in schwachen Monaten die Reserve fehlt. Zweitens die Absicherung der Arbeitskraft. Selbstständige haben oft keinen oder nur schwachen Schutz bei Erwerbsminderung. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist deshalb für sie besonders wichtig – ohne Einkommen bricht auch die Vorsorge weg. Die passende Höhe ermitteln Sie mit dem BU-Bedarfsrechner.

Wie viel Sie zurücklegen sollten

Wie hoch Ihre Sparrate sein muss, ergibt sich aus Ihrer persönlichen Versorgungslücke. Da die gesetzliche Rente als Basis oft fehlt, fällt der eigene Bedarf bei Selbstständigen tendenziell höher aus als bei Angestellten. Rechnen Sie ihn konkret aus, bevor Sie Verträge abschließen – wie das geht, zeigt der Ratgeber Rentenlücke berechnen. Über eine allgemeine Altersvorsorgepflicht für Selbstständige wird politisch seit Jahren diskutiert; eine verbindliche Regelung sollten Sie im Blick behalten, aber nicht auf sie warten. Eine unabhängige Einordnung Ihrer Situation bietet unsere Beratung zu Vorsorge & Rente.

Diese Fehler sollten Sie vermeiden

  • Gar nicht anfangen: Ohne Pflicht schiebt man den Aufbau leicht auf – der teuerste Fehler überhaupt.
  • Sich zu unflexibel binden: Bei schwankendem Einkommen sind flexible Bausteine und ein Liquiditätspuffer wichtiger als starre Beiträge.
  • Nur auf das Unternehmen setzen: Der Verkauf des Betriebs als alleinige Altersvorsorge ist riskant – bauen Sie unabhängiges Vermögen auf.
  • Die Arbeitskraft vergessen: Ohne Absicherung bei Berufsunfähigkeit steht die gesamte Vorsorge auf wackligen Beinen.

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Steuer- oder Anlageberatung. Ob und in welchem Umfang eine Versicherungspflicht besteht, hängt vom Einzelfall ab. Alle Zahlen sind als Größenordnung angegeben; maßgeblich sind die jeweils gültigen gesetzlichen Regelungen und Ihre persönliche Situation.

Häufige Fragen

Müssen Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen?

Die meisten nicht. Pflichtversichert sind aber unter anderem Handwerker in zulassungspflichtigen Gewerken, Künstler und Publizisten über die Künstlersozialkasse, bestimmte Lehrer und Pflegepersonen ohne Angestellte sowie Selbstständige mit nur einem Auftraggeber. Angehörige verkammerter Berufe wie Ärzte oder Anwälte zahlen in ihr Versorgungswerk. Wer zu keiner Gruppe gehört, sorgt frei und eigenverantwortlich vor.

Welche Altersvorsorge ist für Selbstständige am besten?

Häufig eine Kombination aus der steuerlich stark begünstigten Rürup-Rente und einem flexiblen ETF-Sparplan. Die Rürup-Rente bringt den Steuerhebel und Pfändungsschutz, das Depot die Flexibilität bei schwankendem Einkommen. Ergänzend kann eine private Rentenversicherung für eine garantierte lebenslange Rente sinnvoll sein. Die richtige Mischung hängt von Einkommen, Steuer und Zielen ab.

Lohnt sich Riester für Selbstständige?

In der Regel nicht, weil Selbstständige meist nicht unmittelbar zulageberechtigt sind. Eine Förderung kommt nur mittelbar infrage, wenn der Ehepartner unmittelbar riesterberechtigt ist. Für die meisten Selbstständigen sind Rürup-Rente und flexible private Vorsorge die passenderen Wege.

Können Selbstständige eine betriebliche Altersvorsorge nutzen?

Echte Selbstständige ohne Anstellung nicht, weil die betriebliche Altersvorsorge ein Arbeitsverhältnis voraussetzt. Eine Ausnahme sind angestellte Gesellschafter-Geschäftsführer einer eigenen GmbH, für die eigene Gestaltungen möglich sind. Für Einzelunternehmer und Freiberufler bleiben Rürup, private Rente und ETF.

Wie viel sollten Selbstständige für die Rente sparen?

Das richtet sich nach der persönlichen Rentenlücke, die bei Selbstständigen oft größer ist, weil die gesetzliche Basis fehlt. Rechnen Sie den Bedarf konkret aus, bevor Sie Verträge abschließen. Wichtig ist außerdem, zuerst einen Liquiditätspuffer und die Absicherung der Arbeitskraft zu sichern, bevor viel Kapital langfristig gebunden wird.

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