BU-Rente: Wie hoch sollte die Berufsunfähigkeitsrente sein?
Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung entscheidet nicht allein der Abschluss über einen guten Schutz, sondern vor allem die Höhe der vereinbarten BU-Rente. Ist sie zu niedrig, schließt die Versicherung im Ernstfall die Einkommenslücke nicht – und genau dafür wurde sie abgeschlossen. Ist sie zu hoch angesetzt, lehnt der Versicherer den Antrag ab oder der Beitrag wird unnötig teuer. Dieser Ratgeber zeigt, wie Sie die richtige Größenordnung für Ihre Situation finden. Eine erste Orientierung liefert Ihnen der BU-Bedarfsrechner; die Grundlagen zur Absicherung selbst finden Sie im Ratgeber zur Berufsunfähigkeitsversicherung.
Warum die richtige Höhe über den Schutz entscheidet
Ihre Arbeitskraft ist Ihr wertvollstes Kapital. Wer mit 30 noch rund 35 Jahre bis zur Rente vor sich hat, verdient über das gesamte Arbeitsleben je nach Einkommen einen Betrag im hohen sechs- bis siebenstelligen Bereich. Fällt dieses Einkommen krankheitsbedingt dauerhaft weg, muss die BU-Rente den Lebensstandard tragen. Eine zu knapp bemessene Rente ist deshalb einer der häufigsten und teuersten Fehler beim Abschluss.
Die 60-bis-80-Prozent-Regel und ihre Grenzen
Als grobe Orientierung nennt die Verbraucherzentrale einen Zielwert von 60 bis 80 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens. Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Ein Teil der bisherigen Ausgaben (etwa Fahrtkosten zur Arbeit) entfällt bei Berufsunfähigkeit, dafür kommen häufig andere hinzu. Wichtig ist, den oberen Rand ernst zu nehmen, denn von der ausgezahlten BU-Rente können Abzüge entstehen:
- Kranken- und Pflegeversicherung: Je nach Versichertenstatus können auf die BU-Rente Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung anfallen – das mindert den Netto-Betrag.
- Steuern: BU-Renten aus einer privaten Police werden in der Regel nur mit dem sogenannten Ertragsanteil besteuert, dessen Höhe von der Laufzeit abhängt. Wie stark sich das auswirkt, sollten Sie individuell mit einer Steuerberatung klären.
- Altersvorsorge: Wer berufsunfähig wird, zahlt oft nicht mehr in die Altersvorsorge ein. Damit im Alter keine zweite Lücke entsteht, sollte die BU-Rente einen Beitrag dafür mit abdecken.
Die Prozentregel ist also ein Startpunkt, kein Endergebnis. Wer ausschließlich auf eine Faustformel setzt, verschätzt sich leicht.
So ermitteln Sie Ihren echten Bedarf
Verlässlicher als eine Prozentzahl ist die Rechnung von unten nach oben. Gehen Sie in drei Schritten vor:
- Fixkosten erfassen: Miete oder Kreditrate, Nebenkosten, Lebensmittel, Versicherungen, Mobilität, Kommunikation – alles, was auch ohne Arbeit weiterläuft.
- Zusatzbedarf einplanen: Beiträge für die Altersvorsorge, mögliche krankheitsbedingte Mehrkosten und einen Sicherheitspuffer.
- Vorhandene Absicherung abziehen: Rechnen Sie realistisch verfügbare Mittel gegen – etwa Ersparnisse, Einkommen des Partners oder eine bereits bestehende Rente. Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente sollten Sie dabei nur vorsichtig ansetzen (siehe unten).
Die Differenz aus Bedarf und vorhandener Absicherung ist Ihre eigentliche Versorgungslücke – und damit die sinnvolle Höhe der BU-Rente. Genau diese Rechnung nimmt Ihnen der BU-Bedarfsrechner ab: Er ermittelt aus Nettoeinkommen, Fixkosten, vorhandener Absicherung und Alter eine empfohlene Rentenhöhe, die Absicherungslücke und die passende Laufzeit.
Warum die gesetzliche Absicherung die Lücke selten schließt
Eine eigenständige gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente gibt es für alle ab dem 2. Januar 1961 Geborenen nicht mehr. Es bleibt nur die Erwerbsminderungsrente nach § 43 SGB VI. Sie hat zwei entscheidende Nachteile: Erstens fragt sie nicht nach Ihrem erlernten Beruf, sondern nur, ob Sie überhaupt noch irgendeine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausüben können. Die volle Rente gibt es erst, wenn das an weniger als drei Stunden täglich möglich ist. Zweitens fällt sie niedrig aus: Neu bewilligte volle Erwerbsminderungsrenten lagen laut Deutscher Rentenversicherung zuletzt im Schnitt in der Größenordnung von rund 1.000 Euro im Monat. Die private BU-Rente muss diese Lücke füllen. Wie sich die private Absicherung von der gesetzlichen unterscheidet, vertieft der Vergleich der Alternativen zur Berufsunfähigkeitsversicherung.
Höchstgrenzen: So viel lässt sich überhaupt versichern
Nach oben ist die versicherbare Rente begrenzt. Versicherer legen eine Angemessenheitsgrenze fest, die sich meist an einem Anteil des Bruttoeinkommens orientiert. Der Grund: Im Leistungsfall soll kein finanzieller Anreiz entstehen, berufsunfähig zu bleiben. Berufseinsteiger und Studierende können ihre BU dennoch früh und niedrig starten und später erhöhen – wie das ohne erneute Gesundheitsprüfung gelingt, lesen Sie im Ratgeber zur BU für Studenten und Berufseinsteiger.
Häufige Fehler bei der Rentenhöhe
- Zu niedrig gewählt: Ein knapp kalkulierter Beitrag hilft nichts, wenn die Rente im Ernstfall die Fixkosten nicht deckt.
- Inflation ignoriert: Ohne vereinbarte Leistungsdynamik verliert eine feste Rente über Jahrzehnte spürbar an Kaufkraft.
- Keine Anpassungsoption: Ohne Nachversicherungsgarantie lässt sich die Rente bei Gehaltssprung, Heirat oder Nachwuchs nicht ohne neue Gesundheitsprüfung erhöhen. Welche Klauseln darüber hinaus zählen, zeigt der Ratgeber zu den wichtigen BU-Vertragsbedingungen.
Rechenbeispiel: So entsteht die Versorgungslücke
Ein vereinfachtes Beispiel zur Veranschaulichung – die Zahlen sind frei gewählt und ersetzen keine individuelle Berechnung: Angenommen, Ihr monatliches Nettoeinkommen beträgt 2.500 Euro. Ihre laufenden Fixkosten für Wohnen, Lebenshaltung, Versicherungen und Mobilität summieren sich auf 1.900 Euro. Für die Weiterführung Ihrer Altersvorsorge und einen Puffer für krankheitsbedingte Mehrkosten rechnen Sie 400 Euro hinzu. Damit liegt Ihr monatlicher Bedarf bei rund 2.300 Euro.
Dem stehen im Ernstfall nur bescheidene Ansprüche gegenüber. Setzen Sie die gesetzliche Erwerbsminderungsrente vorsichtig mit einer Größenordnung von rund 1.000 Euro an – und das nur, sofern deren strenge Voraussetzungen überhaupt erfüllt sind –, bleibt eine Lücke von etwa 1.300 Euro pro Monat. Genau diese Lücke sollte Ihre private BU-Rente schließen. Über 30 Jahre summiert sich eine solche monatliche Differenz auf einen hohen sechsstelligen Betrag. Das zeigt, warum die richtige Höhe der Absicherung so entscheidend ist.
Sonderfälle: Selbstständige, Familien und Immobilienbesitzer
Der Bedarf hängt stark von der Lebenssituation ab:
- Selbstständige stehen häufig ganz ohne gesetzliche Absicherung da und sollten den vollen Einkommensausfall einkalkulieren.
- Familien und Alleinverdiener müssen nicht nur die eigenen Kosten, sondern den Unterhalt der ganzen Familie mitdenken. Ergänzend sichert eine Risikolebensversicherung den Todesfall ab.
- Immobilienbesitzer tragen mit der Kreditrate eine hohe, unkündbare Fixbelastung, die die BU-Rente sicher decken muss.
Weiter im Thema Berufsunfähigkeit
- Berufsunfähigkeitsversicherung: der Ratgeber für den Ernstfall – Grundlagen, Zielgruppen und Abschluss.
- BU-Vertragsbedingungen im Check – woran Sie einen guten Tarif erkennen.
- Alternativen zur BU im Vergleich – wenn eine klassische BU nicht passt.
- BU-Bedarfsrechner – empfohlene Rentenhöhe und Absicherungslücke berechnen.
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Rechts-, Steuer- oder Vertragsberatung. Alle Größenordnungen sind zur Orientierung angegeben; maßgeblich sind Ihre persönliche Situation und die konkreten Vertragsbedingungen.
Häufige Fragen
Wie viel Prozent vom Netto sollte die BU-Rente abdecken?
Als Orientierung gelten 60 bis 80 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens. Verbraucherschützer wie die Verbraucherzentrale raten eher zum oberen Rand, weil von der BU-Rente im Leistungsfall je nach Versichertenstatus noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung abgehen können und die eigene Altersvorsorge weiterlaufen sollte. Entscheidend ist nicht die Prozentzahl, sondern dass die Rente Ihre laufenden Fixkosten sicher deckt.
Kann ich meine BU-Rente unbegrenzt hoch versichern?
Nein. Versicherer begrenzen die absicherbare Rente in der Regel auf einen Anteil Ihres Bruttoeinkommens (Angemessenheitsgrenze), damit im Leistungsfall kein finanzieller Anreiz zur Berufsunfähigkeit entsteht. Wie hoch die Grenze konkret ausfällt, hängt von Einkommen, Beruf und Anbieter ab.
Sollte die BU-Rente an die Inflation angepasst werden?
Ja. Über eine Laufzeit von oft mehr als 30 Jahren verliert ein fester Betrag deutlich an Kaufkraft. Eine vereinbarte Leistungs- und Beitragsdynamik erhöht die abgesicherte Rente regelmäßig um einen festen Prozentsatz und hält den Schutz real stabil.
Reicht die gesetzliche Erwerbsminderungsrente als Ersatz?
In den meisten Fällen nicht. Neu bewilligte volle Erwerbsminderungsrenten liegen laut Deutscher Rentenversicherung im Schnitt in der Größenordnung von rund 1.000 Euro im Monat und werden nur gezahlt, wenn Sie in irgendeiner Tätigkeit weniger als drei Stunden täglich arbeiten können. Sie orientiert sich nicht an Ihrem erlernten Beruf.
Wie finde ich die für mich passende Rentenhöhe?
Stellen Sie Ihren monatlichen Fixkosten den Betrag gegenüber, der zum Weiterführen der Altersvorsorge und für krankheitsbedingte Zusatzkosten nötig ist, und ziehen Sie vorhandene Absicherungen ab. Der BU-Bedarfsrechner von Kredus liefert dafür eine erste, transparente Orientierung. Die endgültige Höhe sollten Sie in einer unabhängigen Beratung prüfen.
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